
Nicht genug, dass meine Weiterreise unter bedrohlich schwarzem Himmel vonstatten geht. Mein Navi schickt mich netterweise auch noch durchs Dorf und ich lande in einer Sackgasse, wo ich mit meinem Anhänger fast nicht mehr umkehren kann. Dazu kommt, dass ich die letzten Tage davor wegen dem stürmischem Wetter immer weniger gekocht und gegessen habe und deshalb völlig unterzuckert und ausgehungert bin, was einen dann innerlich auch nicht gelassener macht. Schlussendlich erreiche ich mein Ziel und versuche trotz Windböen gleich, mein Beistellzelt wieder aufzustellen. Mit viel Elan und knurrendem Magen pauke ich diese Übung durch. Wenn ich will, kann ich echt stur sein und alle Umstände ignorieren. Nach getaner Arbeit weiss ich, jetzt muss ich etwas essen, sonst kommt es nicht mehr gut. Also rauf aufs Motorrad und auf die Suche nach Futter.
Durch eine göttliche Führung finde ich in einem Einkaufsviertel etwas ausserhalb vom Mittelalter Kaff einen „all you can eat“ Tempel und meine Augen beginnen zu leuchten. Da ich nicht mehr 20 bin, schaffe ich es normalerweise nicht mehr, viel aufs Mal zu essen. Ich staune dann aber selbst über mich. Noch nie im Leben habe ich mich so aufs Essen gestürzt wie dort. Ich muss noch erwähnen, dass ich auch immer der letzte bin, der mit dem Essen fertig ist. Aber in nicht mal 2 Stunden habe ich drei komplette, mit Fleisch und allen Beilagen beladene Teller Futter vertilgt. Danach noch ein grosses Dessert und ich habe anschliessend nicht einmal Magenbeschwerden. Ich denke mir nur, nun rutscht mir hoffentlich die Hose nicht mehr ständig von den Hüften.
Am Tag darauf spaziere ich ins mittelalterliche Dorfzentrum, wo es nichts gibt, als eine moderne Apotheke. Zudem fängt es auch noch an zu nieseln und ich will mit dem Bus zurück zum Camping. Da Wochenende ist, stelle ich fest, dass an meiner Haltestelle „Foyer du 3ième age (Saal vom dritten Alter 😜)“ lange kein Bus kommen wird. Kaum wollen die ersten negativen Gedanken in mir aufkommen, kommt aber trotzdem ein Bus um die Ecke. Und ich kann erst noch gratis zurückfahren, weil seine Ticketmaschine kaputt ist.
Danach folgen ein paar sonnigere, aber immer noch sehr windige Tage. Wie das in Frankreich vielerorts üblich ist, kann ich mit dem Bus zum Einheitspreis von 1€ das wunderschöne Städtchen Martigues mit seinen Kanälen und romantischen, farbenfrohen Gassen besichtigen und den Markt besuchen.

Dann kann ich endlich wieder mal etwas nach meinem Geschmack unternehmen und mache eine Wanderung, bei der ich gleich vier verschiedene Etangs bestaunen kann.

Doch schon am Tag darauf ist der Himmel schon wieder mit riesigen Wolken verhangen. Trotz bedecktem, aber wenigstens windstillem Wetter entscheide ich mich für eine Wanderung dem Etang de Berre entlang. Diese entpuppt sich als wunderschöner Wanderweg durch ein Wäldchen von jungen Pinien mit Sicht auf den Etang. Es ist kaum zu glauben, aber es ist absolut windstill. Ich denke gerade, dass es hier unheimlich still ist und ein paar Sekunden später überholt mich von hinten ein älterer Jogger mit einem kleinen Hündchen, das versucht, mit seinem Herrchen Schritt zu halten 😂.
Auf einem Felsvorsprung finde ich ein schönes Aussichtsplätzchen mit schöner Sicht zwischen den jungen Pinien auf den Etang für meine Mittagsrast. Ein fantastischer Rundblick belohnt mich und zudem drückt sogar die Sonne durch den bedeckten Himmel. Manchmal hat man mehr Glück, als man verdient. Danach geht’s weiter auf dem traumhaften, von blühenden Rosmarinsträuchern gesäumten Pfad. Nach einer Biegung stehe ich plötzlich an einem von Muscheln übersäten Strand vom Etang. Der Pfad geht nun am Strand entlang, aber immer noch auf einem schmalen Waldweg mit Pinien. Linkerhand kommen schneeweisse Strände mit Millionen von Muscheln. Sowas habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. So wird aus diesem Tag ein wunderschönes Erlebnis.

Doch es gibt auch Erlebnisse anderer Art, wie der Leser hier gleich feststellen wird. Zurück von der Wanderung entscheide ich mich, dass es heute nur Salat und ein Gemüse Omelette gibt. Hätte es jedenfalls werden sollen, manchmal habe ich lustige Abläufe in meiner Zeltküche. Ich brate das Gemüse an und nehme es wieder raus. Ohne zu überlegen, schmeisse ich das erste Ei in die Pfanne. Ja, ich weiss, natürlich müsste man das Ei zuerst verquirlen, also fange ich an, mit der Brat Schaufel das Ei zu verquirlen, das schon in der Pfanne ist. Anscheinend sind meine Bewegungen etwas nervös, denn der volle Abfalleimer am Boden neben mir kippt um und der ganze Abfall lag zu meinen Füssen, und ich halte immer noch die Bratpfanne in der Hand. Na super, ich schmeisse alles inklusive das halbe Pseudo Omelette wieder in die Pfanne und versuche das Gemüse Omelette zu retten. Eigentlich weiss ich ja, wie man es macht. Nur mein Gehirn will nicht mitmachen heute 😂. Beim nächsten Mal denke ich hoffentlich daran, wie es gehen würde.
Es folgt wieder windiges, schlechtes Wetter mit Regen und Windböen bis 87 km/h. Ich komme mir vor wie in einem Überlebenscamp und auf das habe ich nun einfach keinen Bock. Ich übe mich im Camping im Nichtstun, aber ich merke, dass ich darin noch nicht sehr erfolgreich bin, da ich ständig das Gefühl habe, ich müsste doch etwas tun, sonst wäre der Tag verloren. So ein Blödsinn, genau das war doch eine meiner Absichten bei dieser Auszeit.
Bei diesem Sauwetter geht einem so einiges durch den Kopf. Mir fällt wieder ein, wie vielfältig ich mein kleines Keramik Heizöfeli schon eingesetzt habe:
- das Zelt heizen
- mich daran wärmen
- nasse Sachen trocknen
- altes Baguette wieder warm und knusprig hinkriegen
- kalte Kaffeetasse vorheizen
Bei diesen Windböen draussen schiesst mir gerade ein Gedanke durch den Kopf. Ich bin ein Beduine in seinem Zelt und draussen wütet ein Sandsturm. Das wäre kein Leben für mich! Ich schlage die Zeit mit einem Oliven Apero tot und koche schon mitten am Nachmittag mein Nachtessen. Wenigstens das ist gut, schliesslich bin ich der Koch. Am Abend gibt es ein Riesen Gewitter und es regnet in Strömen. Ich suche noch eine Regenpause und denke schon, ich habe es geschafft, ins WC Häuschen und dann ins Dachzelt zu kommen, bis ich im Dunkeln draussen mit meinen Gummi Crocs in eine Riesenpfütze stehe. Mein Strässchen hat sich kurzerhand in einen Bach verwandelt, ohne mich vorher zu informieren. Nun habe ich halt klatschnasse Socken und muss diese in meinem geheizten Bett trocknen lassen. Das schlechte Wetter schlägt mir aufs Gemüt und ich höre mir frustriert noch etwas Musik an. Ich habe ganz vergessen, dass es ja noch meinen Lieblingsradiosender gibt.
Am nächsten Tag soll es sonnig werden, haben mir die Herren Meteorologen versprochen. Also fahre ich mit dem Motorrad nach Marseille, dass ich schon lange besuchen will. Unterwegs hat es noch Nebel und ich denke schon, ach nein, nicht schon wieder, doch als ich in Marseille ankomme, ist es wunderbar sonnig und warm. Ich besichtige das Quartier beim Cours Julien mit seinen überwältigenden Graffiti Kunstwerken an jedem Haus und in allen Gassen und fülle mit meinen Bildern den iPhone Speicher. Danach belohne ich mich am alten Hafen mit einem leckeren Café Liégois. Heute Abend ist es mal nicht windig und weder kalt noch nass, wie schön.

Um mit einem guten Gefühl weitereisen zu können am Wochenende, unternehme ich am Folgetag eine geniale Wanderung bei Niolon an der Côte Bleue. Der tolle Weg mit Panorama aufs Meer auf etwa 200 m über dem Meeresspiegel verläuft abenteuerlich und ich kann es kaum fassen, wie schön es ist. Es ist so tolles Wetter und die Farben von den weissen Felsen und den Pinien und das azurblaue Wasser sind einfach der Hammer. Unterwegs treffe ich eine lustige Wandergruppe von etwa 20 Männern und Frauen. Einer hält sein Käppi hin, weil er mich durchlässt. Ich sage, ich bin die Bank, ich bin Schweizer 😂. Alle Lachen und bieten mir dafür an, mich zu fotografieren, was ich natürlich dankend annehme. Dann treffe ich noch drei Frauen an, die bei einem Viadukt der abenteuerlichen Côte Bleue Eisenbahn den Weg suchen. Ich sage ihnen, wo es langgeht und da fragt sie mich, woher ich komme. Ich sagte von Niolon, aber sie meint, woher ich stamme. Als ich sage Luzern in der Schweiz, sagt sie: „ Ach, ich dachte vielleicht Savoyen wegen ihrem Dialekt“. Wenigstens mal nicht Belgier, wie es sonst immer heisst, hihi 😂. Sie kenne Leute in Savoyen und die würden reden wie ich. Eine der drei Frauen sagt dann jedoch, ich würde sehr gut französisch reden. Sie sei Lehrerin und mein Französisch sei wirklich sehr gut. Das tut auch meiner Seele gut.

Schon am Vorabend meiner Abreise mache ich die Wäsche, baue das Zelt ab und packe alle meine Sachen ein. Dank Sturmwind und Gewitter kann ich die Nacht vor meiner Weiterreise in die Alpilles nicht mehr schlafen. Also stehe ich um 02:45 in der Nacht auf und packe mein Dachzelt zusammen. Den Rest der Nacht sitze ich dann auf meinem Fahrersessel und lese einen Krimi. Kaum wird es hell, montiere ich meinen Anhänger und düse los, meinem nächsten Ziel entgegen. Wohl im Bewusstsein, dass es dort immer noch stark winden würde und ich mein Beistellzelt übers Wochenende kaum würde aufstellen können. Aber in Maussane-les-Alpilles hat es Gott sei Dank Restaurants und es ist nicht alles geschlossen wie bei meinen vorigen zwei Campingplätzen.
Wie das Auszeit Abenteuer anschliessend weitergeht, werde ich wieder berichten.
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