Vagabund oder Abenteurer

Wie soll ich es sagen, ohne einen falschen, undankbaren Eindruck zu erwecken?

In meinen bisher 50 Tagen Auszeit von einer warmen, geschützten und komfortablen Umgebung in den im Winter alles andere als milden Frühling gehe ich als blauäugiger Optimist sehr ernüchtert in die nächste Phase dieses Projekts. Ich versuche, mich von den äusseren Eindrücken, die mich ständig begleiten, ja gar bestürmen, abzuschirmen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. 

Ich hatte mir in der Heimat so ausgemalt, als Abenteurer, als was ich mich bisher eingestuft hatte, meine unerfüllte Jugendträume von Unabhängigkeit, Freiheit und unendlich viel freier Zeit, um meinen Bewegungsdrang beim Wandern, Mountainbiken oder Kanufahren auszuleben. Im Februar hatte das zwischendurch ganz gut funktioniert und ich genoss die aus früheren Urlaubsreisen bekannte sonnige Wärme bei meinen Aktivitäten. Doch dann kam der März und strafte meine optimistischen Absichten für einen milden Frühlingsanfang ohne grosse Touristenströme Lügen. Es wurde ungewöhnlich ungemütlich zum Campieren. Bedeckter Himmel, Regen und Windstürme mit Windböen mit bis zu 87 km/h fegten über mich hinweg. Ich verstand die Welt nicht mehr, denn jeder neue Sturm gewann noch mehr an Kraft.

Zu dieser Zeit musste ich anfangen zu lernen, mich im Nichtstun zu üben. Ich musste aber bald feststellen, dass ich darin bis zum heutigen Tag ziemlich erfolglos geblieben bin. Irgendwie kann man einfach nicht aus seiner Haut fahren. Das ist, wie wenn man zum Windsurfen an den Gardasee fährt und dann ist dort drei Wochen absolute Windstille. Irgendwann werden Schlafen, Essen und Dolce Far Niente zu einem nicht mehr auszuhaltenden Martyrium. Ich schaue mir zigmal am Tag die Wetterprognose an und traue dabei meinen Augen nicht. Die nächste Windattacke mit noch höheren Windböen Geschwindigkeiten von über 90 km/h stehen bevor. Und dies ausgerechnet an dem Tag, an dem ich wieder Domizilwechsel auf meinem Programm habe. Ein fix vorgegebenes Reiseprogramm ist sowas von Unsinn. Ich frage mich, woher das rührt mit diesem fixen Reiseprogramm. Meine liebe Frau hat mich auf die richtige Fährte gebracht. Sie meinte zu mir am Telefon, als Vagabund müsse man solche Sachen wie schlechtes Wetter oder sonstige Herausforderungen halt wegstecken können. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt und ich bin zum Schluss gekommen, dass zu wenig Vagabund in mir steckt, um ziellos in der Weltgeschichte herumzuziehen, immer auf der Suche nach einem Plätzchen, wo die Sonne vielleicht gerade scheint oder wo es gegenwärtig 5° wärmer sein könnte. Und dies im Bewusstsein, dass diese 5° sich möglicherweise bereits wieder verflüchtigt haben, bis ich dort eintreffe.

Ich strickte meine Gedanken weiter und überlegte, was ich denn bin, wenn kein Vagabund. Schon seit jungen Jahren war ich stets abenteuerlustig. Keine Wanderung war mit zu lang oder zu gefährlich. Kein Berg oder Felsen schreckte mich genug ab, um nicht daran herumzuklettern. Keine Mountainbike Tour war mir zu schwer oder zu gewagt, und dies damals noch ohne jegliche Federung am fahrbaren Untersatz. Es hat mich an Orte hingezogen, wo ausser mir niemand war. Doch was danach kam war, dass ich zwingend zurück in mein trautes Heim mit allem Komfort zurück wollte. Und ausser einem feinen Apéro und einem kühlen Drink und zwei Stunden Beine hochlagern, wollte ich von nichts mehr etwas wissen. Also Abenteurer ja, aber herumstreunender Vagabund, nein auf keinen Fall. Mich ständig bemühen für den nächsten Platz für die Nacht, das ist nichts für mich. Daher kam wohl auch mein fixes Reiseprogramm und nicht nur, weil in der Winterzeit die offenen Campingplätze rar gesät sind. Ich konnte es einfach nicht sein lassen, meine Reiseziele schon vor der Abreise in meine Auszeit festzulegen und eine Reservation zu tätigen. Kein Vagabund würde sowas tun, oder?

Der Leser mag nun denken, aber so eine Auszeit hat doch bestimmt noch andere Aspekte ausser Sport an sich. Das möchte ich auf keinen Fall abstreiten. Ich habe viel gesehen, was mich inspiriert hat und meine Gespräche mit Menschen waren sehr anregend und teilweise auch ungemein amüsant. In stillen Momenten, wenn nicht gerade ein Graben auf dem Camping lautstark ausgehoben, eine Motorsäge geschwungen oder ein Rasentrimmer vor meinem Zelt sein Unwesen trieb, hatte ich viel Zeit, mir klarzuwerden, was ich nach einem 50-jährigen vollzeitlichen Arbeitsleben nun anstreben könnte. Spirituell war diese Zeit bisher extrem bereichernd. Kein Flüchten vor dem Gedankenkarrusell in Ablenkungen wie Fernseher, Radio oder Social Media Geplänkel. Keine Ausflüchte, dass man jetzt keine Zeit zum Nachdenken hat, weil man zu arbeiten hat.

Wo ich so am Nachdenken bin, nur schon in diesem noch nicht zu Ende gegangenen Monat habe ich einiges erlebt, was mich wieder dankbar stimmt.

Ich hatte durch meine aussergewöhnliche Reisezeit nach Südfrankreich die Gelegenheit, das Fête des Citrons in Menton mitzuerleben. Natürlich musste ich es mir erst verdienen. Früh aufstehen bei sehr kaltem Wetter, mit dem Motorrad zum nächsten Bahnhof fahren und dann 2 Stunden regungslos im Zugabteil sitzen. Doch dann wurde ich mit der wunderschönen Altstadt von Menton mit ihren farbigen, romantischen Gassen und einem bunten Treiben von Menschen aus aller Welt belohnt. Ein toller Blumencorso und die riesigen Ausstellungsexponate, hergestellt aus Zitrusfrüchten, taten meiner Seele so gut.

Schon am darauffolgenden Tag kam das nächste Highlight. Ich zwang mich durch einen Wecker dazu, früh aufzustehen. Ich stand bei saukaltem Wetter eine Stunde am Plage de la Gaillard und erlebte einen genialen Sonnenaufgang, den ich nicht so schnell wieder vergessen werde. Und weil ich schon so schön wach war, konnte ich meinen Tag anschliessend mit einer Mountainbike Tour im Mimosenwald gleich hinter meinem Campingplatz bereichern. Dieser Tag wird mir gut in Erinnerung bleiben.

Noch einen Tag später unternahm ich eine Motorradfahrt durch das Massif du Tanneron, welches bekannt ist für den ausserordentlichen Bestand an in dieser Zeit blühenden Mimosenbäumen. Ich habe Wildschwein gegessen und den Tag mit einer herrlichen Retourfahrt durch die Gorges du Blavet abgerundet. Auch dieser Tag bleibt ein Souvenir in meinem Herzen.

Es folgte eine Wanderung beim Rocher de Roquebrune und eine unglaublich schöne, durch den rötlichen Fels an der Küste, farbenfrohe Wanderung direkt am Meer auf dem Sentier Littoral von Saint Raphaël bis zur Halbinsel Dramont. Ich konnte nicht genug Fotos schiessen und mich an der Stimmung mit der Meeresbrandung in den zerklüfteten Buchten erfreuen.

Noch ein weiteres Highlight war eine lange Wanderung zum Lac de l’Endre und zum Cascade de Gournié, welcher sich als sehr hübscher Fotospot entpuppte.

Danach folgten einige Tage mit ungewöhnlich schlechtem und kaltem Wetter. Gut hatte ich nebst meinem Dachzelt ein Aufenthaltszelt dabei, welches aber durch das extrem stürmische Wetter bis aufs Äusserste getestet wurde. Die Windböen waren eineinhalb Mal so stark, wie das Zelt vom Hersteller getestet wurde. Glücklicherweise hat es gehalten und ich stand nicht plötzlich mit abgesägter Hose im Freien.

Wie meine Auszeit danach weiterverlaufen ist, muss ich erst selber verarbeiten, um sie zu Papier bringen zu können.

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