Er blickte sich unauffällig um, ob ihn wohl gerade niemand beobachtete. Als er überzeugt war, völlig unbemerkt zu sein in der Anonymität der Lobby, steckte er beide Hände vorsichtig in seine Hosentaschen. Was er da drin gemacht machte, würde wohl nie jemand herausfinden. Als er die Hände kurze Zeit später wieder aus den Taschen zog und sie sich ansah, waren sie jedenfalls optisch gesehen sauber. Sie fühlten sich zwar immer noch klebrig an von den kulinarischen Dippsaucen am reichhaltigen Buffet. Er hatte sich bei deren Anblick nicht mehr zurückhalten können.
Zu Beginn stand er noch vor einem Dilemma. Der geräucherte Alaskalachs zur Linken oder sollte er sich vielleicht erst um den üppig dekorierten Hummer in der Mitte des kolossalen Buffets kümmern? Der schaute ihn mit seinen winzig kleinen Kulleräuglein vertrauensvoll an. So als würde er mit seinem letzten Blick, den er zu werfen im Stande gewesen war, bevor er zu einem Bad im siedenden Wasser überredet wurde, zum Ausdruck bringen, dass er doch wenigstens von einem Menschen verspiesen werden möchte, der seinen Opfertod würdevoll feieren würde.
Aus dem Lautsprecher ertönte Paolo Contes „It’s wonderful“. Das entsprach exakt dem Hochgefühl, in dem er gerade schwelgte. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein. Ein weiterer Blick ans andere Ende des Buffets nahm ihm die schwere Entscheidung ab. Wildpastete mit Preiselbeeren, ach wie lange hatte er sowas leckeres schon nicht mehr auf seinen Lippen gehabt. Beschwingt näherte er sich seinem Ziel als er unversehens mit einer hübschen Lady im Charleston Look zusammenstiess. Was es nicht alles gibt auf so einem Kreuzfahrtschiff, dachte er bei sich. Galant entschuldigte er sich und ging weiter. Wenn er sich nicht innerlich für seine überflüssigen Pfunde an den Rippen geschämt hätte, wäre aus diesem Abend bestimmt eine nette Zeit geworden.
So schickte er sich denn in sein Schicksal und begab sich zu seiner Pastete. Doch oh Schreck, in der Zwischenzeit hatten sich doch bereits diverse andere Gäste an seiner geliebten Wildpastete vergriffen. Leicht enttäuscht bediente er sich und schob den ersten Bissen zwischen seine Schmolllippen. Da war seine Welt doch gleich wieder in Ordnung. Während der folgenden zwei Stunden liess er sich von seiner Intuition leiten und wechselte von einer kulinarischen Versuchung zur nächsten. Zufrieden und für die nächsten Stunden bewegungsunfähig verliess er die Lobby während aus dem Lautsprecher gerade „Can’t get you out of my mind“ zu hören war.
Für seinen Rückzugsweg von der Schlacht am kalten Buffet schwankte er zwischen der Treppe gleich neben der Lobby, welche über wenige Stufen zum ersten Unterdeck führte, und dem feudalen Lift mit Perserteppich Boden. Die kurze Fahrt mit dem Aufzug würde seinem genussvollen Besuch in der Lobby natürlich noch das Krönchen aufsetzen. Oder sollte er wohl doch lieber die Treppe nehmen, um sein ohnehin angeknackstes Gewissen zu beruhigen?
Als er sich nach reiflicher Überlegung schliesslich bewusst wurde, dass die zweite Variante ein ausgewachsener Betrug an seinem Gewissen darstellte, entschied er sich für den Aufzug. Schliesslich wollte er nicht von seinen Grundsätzen abweichen. Das wäre ja ein Zeichen von Schwachheit und diese Blösse wollte er sich nicht geben. Und überhaupt, bei den sechstausend Euro, die ihn diese Kreuzfahrt kostete, war ja wohl der Aufzug inbegriffen, oder sollte er besser sagen, ein Muss.
Kurz vor dem Aufzug gesellte sich Larry, ein grosser korpulenter Mann mit Doppelkinn, zu ihm. Er erkannte ihn gleich wieder, sie hatten an einem der vergangenen Abende einen zusammen gezwitschert an der Bar. Larry schien mächtig in Stimmung und legte kumpelhaft den rechten Arm um seine Schulter. Nach etwas Smalltalk beschlossen die beiden, sich noch einen Schlummertrunk zu genehmigen.
Hundert fünfzig Euro später stupste ihn der Barkeeper behutsam an der Schulter und als er nicht gleich reagierte, versuchte er seinen Kopf anzuheben. Er hätte jetzt Feierabend und es wäre sowieso angebracht, wenn er und sein Kumpel, der auch kaum mehr ansprechbar war, ihre Kabinen aufsuchen würden. Die beiden schleppten sich zum Aufzug und liessen sich ins erste Unterdeck befördern. Von dem Krönchen, das diese Fahrt seinem gediegenen Abend hätte aufsetzen sollen, war nichts mehr übrig. Er konnte sich selbst kaum mehr erkennen, als er im Aufzug in den Spiegel sah. „Hey Larry, du fährst ja gleich zwei Mal mit. Dann schlaft mal gut ihr beiden.“
Als er sich etwas später mit einigen Mühen aus seinen Kleidern geschält hatte, liess er sich hundemüde ins Kajütenbett fallen. Dass er sich in seinem jämmerlichen Zustand in der Kabinentür geirrt und sich ins Bett einer 87 jährigen tauben Dame gelegt hatte, bemerkte er nicht.
Sein überlanger Besuch vom Vorabend in der Lobby liess ihn unruhig schlafen. Zudem hatte er einen bizarren Traum, in dem er ein glitschiges Nilpferd küsste. Das Nilpferd schubste ihn daraufhin energisch zur Seite. Seine Schulter begann im selben Moment zu schmerzen. Ihm wurde zusehends kälter und als er vergeblich nach der Decke griff, unter die er gekrochen war, rollte er sich zusammen wie eine Katze.
Frühmorgens, als es langsam heller wurde, erwachte er stöhnend und blinzelte aus zwei Schlitzen an die Decke. Warum war diese Kajütendecke nicht weiss wie üblich, sondern hellgrau? Er setzte sich auf und sah um sich. Er befand sich auf dem Boden in einer fremden Kabine und neben ihm lag eine fremde Frau im Bett. Mit Schrecken stellte er fest, dass er die Nacht gar nicht in Kabine siebzehn verbracht hatte. Um sich aus der peinlichen Situation zu retten, schlich er lautlos aus der Kabine. Als er die Tür öffnete, hörte er hinter sich eine verschlafene Frauenstimme. „Mach die Tür zu, es zieht“.
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