Ein halbes Jahrhundert

50 Jahre alt. Ist es nicht erschreckend, so ein halbes Jahrhundert? 18262 Sonnenaufgänge bewusst oder unbewusst meist verschlafen, noch keine erwähnenswerten Weltuntergänge miterlebt, mit der Option auf weitere vorausgesagte letzte Tage. Damals schien die Welt noch klein und naiv, heute wird im Weltraum geflogen und auf dem Matterhorn telefoniert. Früher durfte man noch Kind sein, heute geht man in Windeln bereits zur Schule. Mein Sprung von 0 auf 50 scheint mir viel kleiner als der Sprung, den die Gesellschaft mitmachen musste. Noch heute fallen mir Erlebnisse aus meiner Kindheit ein, doch wer erinnert sich noch an einen Telefonapparat mit Wählscheibe. Damals ging ich noch zur Bibliothek, doch die Länder von heute findet man nicht in Büchern von gestern.

Ich überlege mir ernsthaft, was geschehen ist. Sind nun 50 Jahre lang oder eben doch nur kurz um die Ecke? Ich habe mal gehört, dass man mit einem Schritt nach dem andern auch  das weit entfernte Ziel erreichen kann. Montag, Dienstag, März, 1970, 2000, heute … Die Sonne hat sich noch nie darum gekümmert, welcher Tag heute ist. Ich mag ihre Ansicht und werde wohl morgen früh auch einfach wieder aufstehen und den nächsten Tag leben. Gut, ich werde wohl zwei drei Hirnzellen weniger mit auf den Weg nehmen als heute, aber was soll’s. Ich lasse mir nichts anmerken und nehme das Leben mit Humor. Auch meine Falten ähneln von Tag zu Tag mehr dem Grand Canyon, aber was soll’s. So lange noch Leben in mir ist, bin ich noch nicht im Tal des Todes. Und überhaupt, dort ist es viel zu heiss, darum bin ich lieber hier in der winterlichen Schweiz.

Nie wieder werde ich Pläne schmieden, was ich bis 40 noch erreichen will. Bald schon geniesse ich das Privileg, dass die Jugend sich im Bus erhebt, um mir ihren Platz zu überlassen. Ach Herr jeh, das hab‘ ich vergessen, das war ja auch nur früher so. Heute heisst es bloss, hey alter Mann, halt dich fest an der Stange, sonst fällst du noch hin. Fehlt nur noch, dass man mir schon morgen über die Strasse helfen will. Dann ist meine Tarnung wohl definitiv aufgeflogen und ich muss Farbe bekennen.

Ab und zu muss ich doch feststellen, dass sich mein Körper früher mal wesentlich jünger angefühlt hat. Woran das wohl liegen mag? Vielleicht waren die 50 Jährchen doch nicht nur ein Spaziergang gleich um die Ecke. Aus dem Draufgänger von damals wird wohl langsam ein zahmer Kater, der sich nicht mehr aus dem Fenster stürzt um zu testen, ob die Landung immer noch gelingt. Obwohl, manchmal juckt es einen ja schon unter den Fingernägeln und man versucht, ein bisschen am Rädchen der Zeit zu drehen. Frisch gewagt macht man sich daran, einer der während der Jugendzeit so heissgeliebten Freizeitbeschäftigungen eine zweite Chance einzuräumen. Doch allzu oft wird daraus ein Fiasko mit darauffolgendem einwöchigem Muskelkater und reichlich Tränen über die eingebüsste Vitalität. Nur gut, hat man während der vergangenen Jahrzehnte ein gutes Glas Wein schätzen gelernt. Das hilft dem betagten Sportler dann tröstend über die Runden. Bis zum nächsten Versuch, denn aufgeben ist doch was für Memmen, oder nicht?

Doch zurück zu meiner Frage, die mich schon längere Zeit beschäftigt. Sind nun 50 Jahre eine lange Zeit oder nicht? Alle Dinge sind relativ, heisst es doch. Wo ist man gewesen und was hat man getan während dieser Zeit? Das ist doch eher die Frage, denn jeder wird sie wohl anders beantworten. Meine Zeit war ziemlich turbulent, darum kommt es mir vor, als wäre ich erst gestern noch ein Lausbub gewesen. Oder bin ich vielleicht im Geheimen immer noch einer? Nun, jedenfalls komme ich mir nicht wie ein alter Mann vor, auch wenn es da und dort etwas klemmt und quietscht. Nimm dich in Acht, oder ich fordere dich morgen schon heraus, etwas Hirnrissiges mit mir zu unternehmen. Mal sehen, wer zuerst auf der Strecke bleibt.

Nun, langer Rede, kurzer Sinn. Für die immer öfter auftretenden Phasen der Muskelkaterniensis habe ich vor einiger Zeit ein altes Hobby wieder aufgetaut, nämlich die Schriftstellerei. Manch einer musste schon als Literaturkritiker hinhalten. So kann ich mich rächen und denjenigen auch ein paar Lachfältchen mehr ins Gesicht zaubern. Dann fühle ich mich nicht so allein und wir können gemeinsam unsere Grübchen bewundern. Irgendwann in ferner Zukunft werde ich mit meinem Gesicht in euren Kreisen dann nicht mehr auffallen, weil ihr alle inzwischen auch befallen seid von diesen Lachfältchen. Die gönne ich euch Lesern von Herzen, darum seid eingeladen, ein paar Literatur Kostproben aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert zu konsumieren. Sollten diese bei euch eine Muskelkaterniensis der Mundwinkel auslösen, nehmt doch anschliessend einen Schluck zum Trost. Danke fürs Ausharren und ihr dürft nun wieder euer natürliches Lachen aufsetzen, denn die Show ist zu Ende.

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